Den Kopf leicht geneigt, den rechten Ellenbogen auf die Lehne des Sessels gestützt, scheint sie, halb verzückt, halb wehmütig, den Duft der Rose einzuatmen, welche sie zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand unterhalb ihres Kinnes hält. Mit ihrer linken Hand spielt sie mit einem Miniaturflugzeug, welches in ihrem Schoß liegt. Das kleine Flugzeug hat offensichtlich auch die Aufmerksamkeit des zahmen Eichhörnchens erregt, welches sich unter den Falten des langen Schals der Dichterin hervorwagt, um ihr Spielzeug neugierig zu betasten.
Die Malerin übersetzt und reinterpretiert einzelne Metaphern aus der Dichtung ihrer Namensvetterin. Andere Bilder, wie das des goldenen Käfiges ohne Türchen, zur Rechten der Dichterin stellen aufs Neue die Frage nach der Identität der selbstironischen Liebeslyrikerin. Bei der Betrachtung der Portraits kann die flüchtige Illusion entstehen, für einen Moment hinter das Glas blicken zu können. In diesem Augenblick scheint das Rätsel um die Frau, die vor fast 100 Jahren als Künstlerin den „Schritt in die Ewigkeit“ wagte greifbar nah zu sein, bis sich das Auge wieder in der trügerischen Reflexion der eigenen Gesichtszüge auf der spiegelnden Oberfläche des Portraits verliert.
Univ.-Prof. Dr. Brigitta Helbig-Mischewski, Literaturwissenschaftlerin

Prof. des Deutsch-Polnisches Forschungsinstitut des Collegium Polonicum in Słubice
MARIA KOSSAK, NEUKÖLLNS GOLDFINGER erschienen in der Zeitschrift: Tygiel Kultury: 1-6 (217-222) 2015
von Marek Staszyc

Auszug aus dem Artikel:
Maria’s Kunstprojekte sind fester Bestandteil der Kulturszene. Seit mehreren Jahren sind ihre Arbeiten auf Ausstellungen und lokalen Festivals wie „48 Stunden Neukölln“ zu sehen: „einem mehrtägigen Marathon von künstlerischen Ereignissen, der die springlebendige internationale Szene hier präsentiert“. Aus der Faszination des Ortes entstehen Arbeiten, die der spezifischen Energie und Ästhetik des urbanen gewidmet sind.
Hier befindet sich ihr Atelier, -wegen des Goldes, das an ihren Fingern haften bleibt, hat sie sich bei Kollegen vom Fach den Kosenamen „Goldfinger“ eingehandelt. An der Symbolik des Edelmetalls, dessen Facettenreichtum sich wie ein roter Faden durch ihr multimediales Werk zieht, fasziniert sie dessen Ursprünglichkeit und Überzeitlichkeit.
Marek Staszyc ist Kunsthistoriker und Journalist. Er hat beim vierten Programm des Polnischen Radios, bei TVP Kultura und Radio Chilli Zet gearbeitet. Publikationen in Obieg, Kultura Liberalna, Art&Biznes. Lebt in Berlin.
von rechts nach links: Literarischer Übersetzer und Schriftsteller Olaf Kühl, Maria Kossak, Kulturkritiker Piotr Olszowka, Schauspielerin Anna Antonowicz, Leiter des buchIbund Marcin Piekoszewski und Kulturjournalist Marek Staszyc.
Geboren in Warschau, kam Maria Kossak 1984 als zweieinhalbjähriges Mädchen nach Berlin. Die Stadt: sowohl ihr Kinderspielplatz als auch Ort künstlerischer Erkenntnis. Das Studium der Bildenden Künste hat sie in Berlin und Sydney absolviert. Nach ihrem einjährigen Stipendienaufenthalt in Australien, machte sie sich, zurück in Europa auch künstlerisch auf die Suche nach ihren Wurzeln und der eigenen Identität. Als Grenzgängerin zwischen Ost und West prägt sie den Dialog zwischen polnischen und deutschen Künstlern und Kulturschaffenden.
Marek Staszyc